Übergangsobjekt: warum dein Kind sein Tuch liebt
Aktie
Das Schmusetuch, das wir nicht waschen durften
Bei uns zu Hause hat ein Stück Musselin einen eigenen Namen: wir nennen es "Bibi". Es ist der Rest einer hellblauen Decke, die wir gekauft hatten, noch bevor unsere Tochter geboren war. Mit etwa sieben Monaten hat sie es zu ihrem Liebling erkoren: Sie drückte es sich zum Einschlafen an die Wange und war untröstlich, wenn es fehlte. Es zu waschen war jedes Mal ein kleines Drama. Der Geruch, sagten unsere Eltern schmunzelnd, gehört eben dazu.
Eine Weile hielten wir das für eine Marotte, die man abgewöhnen muss. Dann lasen wir aus Neugier ein paar Seiten Entwicklungspsychologie und merkten: Dieser zerknitterte Fetzen hatte einen Fachbegriff und eine fast hundert Jahre alte Geschichte. Keine Unart, sondern ein Stück Entwicklung, das ihr durch die Hände ging.
Was Winnicott unter dem Übergangsobjekt versteht
Den Begriff prägte der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott in den 1950er Jahren. Die italienische psychoanalytische Gesellschaft fasst es in ihrer Online-Enzyklopädie treffend zusammen: Es ist jener Gegenstand, der für das Kind plötzlich eine besondere Bedeutung bekommt und dessen Wichtigkeit Eltern fast instinktiv spüren. Ein Teddy, ein Tuch, manchmal nur ein Stück Stoff. Es wirkt beruhigend, das Kind sucht es, um zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen. Wer tiefer einsteigen mag, findet die Originalgedanken bei Winnicott selbst gut aufbereitet.
Der Schlüsselbegriff bei Winnicott lautet erster Besitz. Das Übergangsobjekt gehört nicht mehr zum Körper des Kindes, wird aber auch noch nicht als völlig außen erlebt. Es liegt dazwischen. Es ist eine Brücke zwischen dem "Ich" und dem "Nicht-Ich", zwischen Innenwelt und der Welt jenseits des Bettchens. Ein Satz von Winnicott hat uns besonders berührt: Entscheidend sei nicht der symbolische Wert des Objekts, sondern dass es echt ist. Eine Illusion, ja, aber zugleich etwas, das man in der Hand halten kann.
Er verband es mit einer weiteren seiner Ideen, der ausreichend guten Mutter: nicht perfekt, aber fähig, sich den Bedürfnissen des Kindes anzupassen und es dann nach und nach in erträglichen Dosen zu enttäuschen. Genau in diesem Spielraum zwischen Anwesenheit und kleiner Abwesenheit greift das Kind zum Tuch. Das Übergangsobjekt ist der handfeste Beweis, dass es lernt, ein wenig allein zu sein, ohne sich verlassen zu fühlen.
Zwischen dem vierten und dem achtzehnten Monat
Den Studien zufolge taucht die Bindung an einen einzelnen Gegenstand meist zwischen dem vierten und dem achtzehnten Lebensmonat auf. Davor gibt es die Vorläufer: das Daumenlutschen, das Summen vor dem Einschlafen, die Finger, die einen Zipfel des Lakens drehen. Und dann, irgendwann, kommt "der" Auserwählte. Fast immer wählt das Kind selbst, nicht wir Erwachsenen. Deshalb funktioniert ein "verordnetes" Kuscheltuch selten: Das Herz entscheidet allein.
Ein Detail hat uns als Eltern getröstet. Dieser Erfahrungsraum zwischen Wirklichem und Vorgestelltem verschwindet laut Winnicott nie ganz. Als Erwachsene finden wir ihn im Spiel wieder, in der Kunst, in der Fantasie, sogar im kreativen Denken. Die Musselin-Decke ist letztlich die erste Trainingsbahn der Vorstellungskraft.
Keine Unart, sondern eine Brücke
Die Versuchung, das abgewetzte Tuch verschwinden zu lassen, kommt immer, meist um den zweiten Geburtstag, wenn man sich fragt, ob das noch "normal" sei. Es ist normal. Das Übergangsobjekt begleitet das Kind, während es das Schwerste der ersten Jahre lernt: dass Mama gehen und wiederkommen kann, dass Abwesenheit keine Katastrophe ist. Etwas Weiches und Vertrautes zu drücken, ist sein Weg, diesen Übergang auszuhalten. Den Abschied zu erzwingen, zieht ihn meist nur in die Länge.
Wir haben aufgehört, gegen Bibi zu kämpfen, an dem Tag, an dem wir verstanden, wozu es diente. Das sagen wir auch oft den Eltern, die uns vor einer Bestellung schreiben: Es geht nicht darum, das Herzensobjekt loszuwerden, sondern ihm mit der Zeit ein würdiges Zuhause zu geben. Denn dieser Fetzen wird eines Tages nicht mehr zum Einschlafen gebraucht und zu einer Erinnerung. Und Erinnerungen gehen verloren, wenn man ihnen keinen Platz gibt.
Vom Schmusetuch zur Schatzkiste
Der erste Milchzahn unserer Tochter landete übrigens in einer Streichholzschachtel auf der Küchenfensterbank, und drei Wochen später war er unauffindbar. Banal? Vielleicht. Aber an diese Schachtel erinnern wir uns bis heute, und sie war die andere Hälfte des Funkens: eine Decke, die man nicht waschen durfte, und ein Zahn, der ins Nichts verschwand.
Unsere erste Erinnerungskiste aus Holz ist genau daraus entstanden, aus Bibi und diesem Zahn. Wir wollten einen einzigen, stabilen Ort, an dem die ausgediente Decke, das Krankenhausbändchen und die erste Haarlocke zusammenfinden. Eine Kiste mit Fächern, der Deckel mit dem Namen graviert, etwas, das Jahre und Umzüge übersteht. Wir fertigen sie abends in der Werkstatt, während der 3D-Drucker in der Ecke vor sich hin arbeitet.
Eine Mutter schickte uns vor ein paar Monaten das Foto ihres eigenen Kuscheltiers aus Kindertagen: eine Frottee-Giraffe, nur noch ein Lappen, die ihre Mutter dreißig Jahre lang in einem Brotbeutel aufbewahrt hatte. Sie wollte eine Kiste, groß genug, um es an die Tochter weiterzugeben. Solche Anfragen erinnern uns, warum wir das machen. Wer es thematisch mag, findet auch Varianten wie die Erinnerungskiste mit Waldmotiv, mit gravierten Füchsen und Pilzen, die zu natürlich gehaltenen Kinderzimmern wunderbar passt.
Es gibt noch einen Gegenstand, der ohne ein Schmusetuch zu sein eine ähnliche Aufgabe übernimmt: der Name des Kindes, im Zimmer aufgehängt oder aufgestellt. Ein personalisiertes Holzschild mit den Buchstaben des eigenen Namens wird schnell zu einem festen Punkt, einem dieser Dinge, auf die das Kind zeigt und die es "liest", lange bevor es wirklich lesen kann. Es ersetzt die Decke nicht, gehört aber zur selben beruhigenden Landschaft.
Holz, das so lange hält wie die Erinnerung
Beim Material machen wir keine Kompromisse. Wir verarbeiten massive Kiefer, weil sie Fehler verzeiht: Sie lässt sich gut schleifen und nimmt nach zwei Schichten gekochtem Leinöl einen warmen Ton an, der noch wochenlang nach Wald duftet. Kein Hochglanzlack, kein Plastik. Namen und Motive gravieren wir mit dem CO2-Laser, der auf einen Zehntelmillimeter genau arbeitet. Das ist unser Lieblingsmoment, wenn das Holz nach geröstetem Kaffee zu riechen beginnt und der Name Zeile für Zeile erscheint.
Wir wählen Holz gerade deshalb, weil es hält. Ein Karton verbeult sich beim ersten Umzug; eine gut geölte Kiefernkiste begleitet die ganze Kindheit und kommt zum achtzehnten Geburtstag noch heil an. Und wenn die Decke darin liegt, die man nicht waschen durfte, will man einen Behälter, der sie respektiert.
Häufige Fragen
In welchem Alter binden sich Kinder an einen Gegenstand?
Meist zwischen dem vierten und dem achtzehnten Monat, wie die italienische psychoanalytische Gesellschaft mit Bezug auf Winnicott zusammenfasst. Nicht jedes Kind wählt eines aus, und das Gegenteil ist genauso normal und kein Anlass zur Sorge.
Soll ich Decke oder Schmusetuch wegnehmen, wenn das Kind größer wird?
Besser nicht erzwingen. Das Übergangsobjekt hilft dem Kind, Trennungen zu bewältigen; meist gibt es das von selbst auf, in seinem eigenen Tempo. Du kannst den Übergang begleiten, indem du ihm einen besonderen Platz gibst, etwa eine Erinnerungskiste.
Kann ich das Schmusetuch ohne Drama waschen?
Ja, aber mit Strategie: lieber eine schnelle Wäsche, wenn das Kind schläft, oder ein zweites, identisches Tuch zum Abwechseln bereithalten. Der vertraute Geruch zählt so viel wie der Stoff, also verzichte auf aggressiven Weichspüler.
Wie bewahre ich die Herzensdinge später auf?
Ein geschlossener, trockener und hochwertiger Behälter macht den Unterschied. Geöltes Holz schützt besser vor Staub und Feuchtigkeit als Karton, und eine Kiste mit Fächern hält Decke, ersten Zahn und Geburtsbändchen beisammen.